Geschichte
von Dingden

Von den germanischen Gerichtsstätten bis zur modernen Stadtgemeinschaft – eine Zeitreise durch mehr als 1.000 Jahre Dingdener Geschichte.

Der Name als Geschichtsbuch

Der Ortsname „Dingden" trägt die Geschichte des Ortes wie ein offenes Buch mit sich: Er leitet sich vom germanischen Begriff „Ding" oder „Thing" ab – der Bezeichnung für die Volksversammlung der freien und wehrhaften Männer sowie für die Gerichtsstätten der germanischen Stämme. In Dingden wurden an einem solchen „Ding" Recht gesprochen, Streitigkeiten geschlichtet und Gemeinschaftsfragen entschieden.

Im Laufe der Jahrhunderte gab es verschiedene Schreibweisen des Ortsnamens: „Dingede", „Dingethe", „Dinkethe" oder auch „Thingethe". All diese Varianten tragen den Begriff „Ding" in sich und erinnern an diese uralte Rechtspraxis. Neben der Kirche verläuft noch heute die Thingstraße – die Straße am Thing – als stummes Zeugnis dieser frühen Gerichtsgeschichte.

„Das Kirchspiel Dingden war schon immer Teil von Westfalen – ein Ort, an dem Recht und Gemeinschaft von Anfang an im Mittelpunkt standen."

Drei Gerichtsplätze der Dingdener Gerichtsherren sind historisch belegt: in Dingden selbst, in Brünen und in Bocholt. Noch heute erinnert der Begriff „bei den Dingbänken" auf alten Karten an den ehemaligen Bocholter Gerichtsplatz der Dingdener Herren – an der Stelle, wo sich heute die Einkaufspassage „Neutor-Platz" befindet. Bis ins Jahr 1803 wurde in Dingden Gericht gehalten – eine erstaunlich lang andauernde Rechtstradition.

Geschichte im Überblick

10. Jahrhundert

Erste Siedlungsspuren

Die Bauerschaft Lankern gilt als das älteste Siedlungsgebiet in Dingden. Unter dem Grundbesitz des Klosters Werden an der Ruhr wurde im 10. Jahrhundert ein Besitz in „Longhere" (Lankern) urkundlich erwähnt. Die fruchtbaren Böden des Niederrheins locken früh Bauern in diese Gegend.

1161

Ritter Gerlach von Dingden

Erste urkundliche Erwähnung eines Ritters Gerlach als Mitglied des Geschlechts der Edlen von Dingden. Seine Nachfahren, die sich „Sueder" nannten, wurden zu bedeutenden Ministerialen des Fürstbischofs von Münster.

1200 ca.

Bau des Wehrturms

Der romanische Wehrturm der Pfarrkirche St. Pankratius wird errichtet – heute das Wahrzeichen Dingdens. Die Kirche ist eine Eigengründung der Ritter von Dingden und zeugt von der Bedeutung des Adelsgeschlechts für den Ort.

1217

Kreuzzug von Damiette

Sueder I. von Dingden nimmt am Kreuzzug von Damiette teil. Aus Ägypten schenkt er seinen Haupthof in Lankern dem Deutschen Ritterorden – ein außerordentliches Zeugnis mittelalterlicher Frömmigkeit und Weitblick.

1316

Erste Kirchenerwähnung

Die Pfarrkirche zum heiligen Pankratius wird erstmals schriftlich erwähnt. Sie gilt als Tochterpfarre Bocholts und enthält Bestandteile dreier Bauperioden: den romanischen Turm (um 1200), das gotische Chor (15. Jahrhundert) sowie Langhaus und Seitenschiffe von 1820.

1330

Erste urkundliche Dorferwähnung

Dingden wird erstmals als „villa Dingede" urkundlich erwähnt. Neben dem Dorf entwickelt sich die Dorfbauerschaft, weitere Bauerschaften entstehen in Berg und Nordbrock. Die landwirtschaftliche Struktur des Ortes ist zu diesem Zeitpunkt vollständig ausgeprägt.

1439

Gründung Kloster Marienfrede

Augustiner-Chorherren gründen das Kloster Marienfrede in der Nähe von Dingden. Das Kloster existiert bis 1806 und hinterlässt tiefe Spuren im religiösen und kulturellen Leben der Region. Die Klosterschenke – auch „Klosterschenke" genannt – wird zur geselligen Treffstätte.

1786

Erste Schule Dingdens

Die erste Schule der Gemeinde Dingden wird gebaut. 1867 wird sie zur Knabenschule berufen, was die wachsende Bedeutung der Bildung in der Gemeinschaft unterstreicht. Das Schulwesen blüht im 19. Jahrhundert auf.

1802–1815

Napoleonische Zeit

Nach der Auflösung des Fürstbistums Münster gelangt Dingden zunächst unter das Fürstentum Salm, dann unter französische Herrschaft. 1811 gehört Dingden zur Mairie Dingden im Kanton Bocholt des Arrondissement Rees. Nach den preußischen Reformen 1815/16 kommt Dingden zum Kreis Borken.

1876

Die Bocholter Bahn kommt

Eröffnung der Bahnstrecke Wesel–Bocholt. Die Bahnstationen Dingden und Lankern entstehen und verbinden den Ort mit der Welt. Gewerbe und Industrie siedeln sich an, die rein landwirtschaftliche Struktur Dingdens wandelt sich grundlegend.

1941

Familie Humberg verlässt Dingden

Die jüdische Familie Humberg, die in der Hohe Straße 1 wohnte, verlässt Dingden im Jahr 1941. Das Humberghaus wird heute als Gedenkstätte und Museum geführt – ein wichtiger Ort der Erinnerungskultur am Niederrhein.

1. Januar 1975

Eingemeindung nach Hamminkeln

Im Zuge der kommunalen Neugliederung Nordrhein-Westfalens wird die westfälische Gemeinde Dingden in die neu gegründete Stadt Hamminkeln eingegliedert. Dingden wird Ortsteil der Stadt Hamminkeln im Kreis Wesel – und bleibt bis heute lebendig und eigenständig.

Das Dingdener Wappen

Das Dingdener Wappen wurde in den 1930er Jahren entworfen und erinnert an die Zeit der früheren Gerichtsbarkeit des Ortes. Es zeigt zu beiden Seiten einer Linde auf einem Dreiberg je ein rotes Richtschwert.

Die Linde auf dem Dreiberg symbolisiert den Gerichtsbaum – unter einer solchen Linde wurde traditionell Recht gesprochen. Die beiden roten Richtschwerter verdeutlichen, dass am Dingdener Gericht auch die Todesstrafe verhängt werden konnte.

Mehrere Flurbezeichnungen im Dingdener Gemeindegebiet weisen noch heute darauf hin, dass tatsächlich Hinrichtungen stattgefunden haben: „Galgenschlatt am Küning", „Galgenschlatt in der Heide" und „Galgenbaum am Ißhorst" sind beredte Zeugnisse dieser frühen Strafrechtsgeschichte.

Wappen Dingden

Jüdisches Leben in Dingden

In Dingden gab es über Jahrhunderte jüdisches Leben, das eng mit der Geschichte des Ortes verbunden war. Das Humberghaus in der Hohe Straße 1 erinnert heute an die Familie Humberg, die dort bis 1941 lebte. Das Haus wurde vom Heimatverein Dingden e. V. liebevoll restauriert und in eine Gedenkstätte und ein Museum umgewandelt.

Mit einem multimedialen Guide lassen sich die Räume eigenständig und individuell erkunden. Einzelne Sequenzen informieren über die jeweiligen Räume, die Biografien der einzelnen Familienmitglieder und geben Erläuterungen zu jüdischer Kultur und jüdischem Leben in Dingden. Die Renovierung des Gebäudes wurde durch den Landschaftsverband Rheinland, die NRW-Stiftung und die Bezirksregierung Düsseldorf unterstützt und 2010 abgeschlossen.

Das Humberghaus gilt heute als eines der bedeutendsten Gedenkstättenprojekte am Niederrhein und zieht Besucher aus der gesamten Region an. Es ist ein lebendiges Zeugnis dafür, dass Dingden seiner Geschichte ehrlich und offen gegenübersteht.

Die Teile des Dingdener Ortes

Dingden besteht aus mehreren Bauerschaften, die jeweils ihre eigene Geschichte und Identität haben.

Hauptort

Dorf Dingden

Der Hauptort mit der Pfarrkirche St. Pankratius, der Thingstraße und dem historischen Ortskern. Hier schlägt das Herz des heutigen Dingdens.

Älteste Siedlung

Lankern

Die älteste Bauerschaft Dingdens, bereits im 10. Jahrhundert urkundlich erwähnt. Hier lag der Haupthof, den Sueder I. einst dem Deutschen Ritterorden schenkte.

Bauerschaft

Berg

Eine der ursprünglichen Bauerschaften, die sich rund um das mittelalterliche Dorf entwickelte und heute zur Gemeinde Dingden gehört.

Bauerschaft

Nordbrock

Bekannt durch die historische Turmwindmühle. Die Zugehörigkeit von Nordbrock war bis ins 19. Jahrhundert zwischen Dingden und Brünen umstritten.